Es gibt diese Momente, in denen eine zufällige Entdeckung den Lauf der Dinge verändert. Für mich, Kevin, war es ein wissenschaftliches Paper aus Australien über Varroa-Erkennung durch Frequenzanalyse. Als angehender Wirtschaftsinformatiker war ich sofort fasziniert von der Idee, Machine Learning für die Erkennung von Problemen in einem Bienenstock zu verwenden. Was als Uniprojekt begann, wurde zu HIVESOUND — allerdings auf einem etwas anderen Weg, als wir ursprünglich dachten.

Der Anfang: Eine Idee und der AI.STARTUP.HUB

Die Grundidee war klar: Ein Monitoringsystem für Honigbienen entwickeln, das Imkern hilft, Probleme in ihren Völkern frühzeitig zu erkennen, um rechtzeitig reagieren zu können. Gemeinsam mit meinem ehemaligen Mitbewohner Julian (Softwareentwickler), und Michelle (Biologin), einer alten Freundin von Julian, sind wir mit dieser groben Vision in das AI.STARTUP.HUB Ideation Programm gestartet.

Das Team stimmte, die Idee hatte Potenzial — und wir hatten die verschiedenen Kompetenzen, die man für so ein Projekt braucht: KI-Expertise, Softwareentwicklung und biologisches Know-how. Während ich noch an den letzten Feinheiten meiner Masterarbeit feilte, bereiteten wir uns schon gemeinsam auf den nächsten Schritt vor, um vollzeit in das Projekt zu starten: Die Bewerbung auf das EXIST Stipendium, welches wir einige Zeit später dann auch erhalten.

Die erste Erkenntnis: Gute Daten brauchen gute Tools

Während der EXIST-Förderung haben wir das gemacht, was man als Gründer eben so macht: Interviews führen, Prototypen bauen, testen, hinterfragen. Wir haben mit unzähligen Imkereien gesprochen und eigene Sensorprototypen entwickelt und stießen dabei auf ein ganz praktisches Problem.

Um unsere Sensordaten sinnvoll zu labeln und zu trainieren, mussten wir sie mit den tatsächlichen Ereignissen im Bienenstock korrelieren. Das bedeutete: Wir brauchten einen Weg, Imkern die Dokumentation ihrer Durchsichten so einfach wie möglich zu machen. Also entwickelten wir erste Softwarekomponenten — zunächst nur als Hilfsmittel für unser eigentliches Ziel, das Monitoringsystem.

Wie kann man etwas besser verstehen, als es selbst zu tun? Wir wurden selbst zu Imkern

Julian und ich beschlossen, selbst mit dem Imkern anzufangen. Schließlich wollten wir verstehen, wofür wir eigentlich bauen. Und genau hier geschah etwas Entscheidendes: Uns wurde schmerzlich bewusst, wie unpraktisch alle vorhandenen Lösungen sind.

Stell dir vor: Du stehst am Bienenstock, trägst dicke Handschuhe, die Bienen summen um dich herum, du musst schnell arbeiten — und dann sollst du irgendwelche Daten in dein Smartphone eintippen? Das funktioniert einfach nicht. Die Realität der Imkerei und die verfügbaren digitalen Tools klafften meilenweit auseinander.

Eurobee 2024: Die Bestätigung vom Markt

Auf unserer ersten Eurobee Messe 2024 als Aussteller haben wir diese Softwarekomponenten nebenbei evaluiert — der Fokus lag noch auf dem Monitoringsystem. Aber die Gespräche mit Imkern zeigten uns etwas Wichtiges: Wir waren mit unserem Problem nicht allein. Unsere Umfragen und Interviews bestätigten, dass viele Imker genau dieselbe Frustration erlebten.

Software first, Hardware später — das InnoFounder Prorgramm

Es war eine dieser Entscheidungen, die sich im Nachhinein logisch anfühlen, aber im Moment schwerfallen. Nach der eurobee und im Zuge unserer Vorbereitung auf die Bewerbung bei InnoFounder, einem Programm der Innovations- und Förderbank Hamburg, haben wir beschlossen, uns zunächst auf die Softwarelösung zu fokussieren und das Thema Monitoring einen Schritt nach hinten zu schieben. Ein kleiner Pivot im Sinne der Reihenfolge — aber einer, der sich richtig anfühlte.

Warum? Weil wir gesehen haben, dass wir ein echtes, akutes Problem lösen können, das fast jeden Imker bei jeder Durchsicht und im Nachgang betrifft. Die schönste Hardware-Lösung nützt nichts, wenn die Grundlage — eine praktikable Dokumentation — nicht funktioniert.

Ein knappes Jahr später: HIVESOUND geht live

Knapp ein Jahr später, nachdem wir erfolgreich InnoFounder einwerben und die HIVESOUND GmbH gründen konnten, haben wir nach monatelanger Entwicklung und dem intensiven Austausch mit Imkernden die Software in die App Stores und ins Web gebracht.
Das Herzstück: Ein richtig starker Sprachassistent, der automatisch aus gesprochenem Text die gesamte Stockkarte ausfüllt, Todos erstellt und Notizen anlegt. Somit können Beobachtungen endlich ganz einfach eingesprochen werden, während man am Stock steht — auch mit Handschuhen, bei Wind, oder einem Schwarm von Bienen um einen herum.

Und das Thema Monitoring? Das haben wir nicht vergessen, sondern mittlerweile starke Partner gewonnen, deren Systeme — Stockwaagen (z.B. HoneyLink), Wetterstationen, Sensoren für das Brutnest — wir über unsere Software und IT-Infrastruktur einfach anbinden können. Die Sensormessungen werden so zentralisiert in der HIVESOUND App dargestellt und neben den eigenen Durchsichten für den Zugriff gespeichert . Mit unserem engsten Partner HIIVE Link, arbeitet wir nun seit einigen Monaten zusammen, um ein innovatives Monitoringsystem zu fairem Preis an den Markt zu bringen. Mehr dazu schon bald!

Das nächste Level: KI, die wirklich versteht

Unser relativ frischer KI-Assistent (aktuell in der Beta) geht noch einen Schritt weiter. Er kann über die In-App Chat-Funktion auf alle hinterlegten Daten reagieren — egal ob Durchsichten, Sensordaten oder Notizen. Durch unsere manuell gepflegte Imkerei-Wissensdatenbank, kann er auf allgemeine Fragen antworten, durch die Verbindung zu den eigenen Durchsichten/ Sensordaten jedoch auch auf ganz individuelle Anfragen rund um deine eigene Imkerei.

Stell dir vor, du fragst: “Welches ist gerade das schwächste Volk an meinen Standorten?” oder “ Gab es bei der letzten Durchsicht Auffälligkeiten an Standort Wiese?” — und der Assistent analysiert deine Durchsichten, um dir eine fundierte Antwort zu geben und dich bestmöglich zu unterstützen.

In den kommenden Monaten gehen wir noch einen Schritt weiter und richten den Assistenten auf komplexere Sachverhalte aus. Konkreter bedeutet das einen Analyseprozess, in welchem aufgezeichnete Daten, sowie externen Quellen (wie z.B. den Wetterberichten) eingehend verarbeitet und miteinander kombiniert werden, um analytisch fundierte Rückschlüsse auf Input-Frage geben zu können.

Die Vision: Open Source trifft Datenwissenschaft

Wo wollen wir hin? Wir haben eine klare Vision: HIVESOUND soll ein Standard in der Imkerei werden. Jedoch nicht als geschlossenes System, sondern eines mit offenen Schnittstellen.

Das bedeutet konkret:

Für Imker: Vollständige Freiheit bei der Wahl der Sensoren — kaufen, wo man möchte, oder sogar selbst bauen. Keine Vendor-Lock-ins, keine erzwungenen Hardware-Käufe.

Für die Forschung: Eine einzigartige Datenbasis aus manuell geführten Durchsichten und Sensordaten, die wir — nach Zustimmung der Nutzer — an Forschungseinrichtungen, Schulen, Universitäten und Verbundprojekte weitergeben können.

Für die Zukunft der Imkerei: Digitale Bienenstockzwillinge, die Probleme erkennen, bevor sie entstehen. Die Schwarmstimmung erkennen, bevor das halbe Volk auszieht. Die Winterüberlebensraten verbessern und Honigerträge maßgenau prognostizieren können.

Was wir gelernt haben

Wenn wir zurückblicken auf die Reise vom australischen Forschungspaper bis heute, dann sind es drei Lektionen, die herausstechen:

1. Der Markt entscheidet, nicht deine ursprüngliche Idee. Wir sind mit Hardware gestartet und bei Software gelandet — weil das Problem dort akuter war.

2. Werde selbst zum Nutzer. Erst als wir selbst Imker wurden, haben wir die tatsächlichen Problem verstanden.

3. Offenheit gewinnt. Statt eigene Silos aufzubauen, setzen wir auf Partnerschaften und offene Schnittstellen. Denn unserer Meinung nach kriegen wir in der Imkerei nur was bewegt, wenn wir aufhören unsere eigenen Süppchen zu kochen.

Ein Ausblick

Wir sind noch lange nicht am Ziel. Die Beta läuft, die ersten Imker nutzen HIVESOUND täglich, und wir lernen mit jedem Feedback dazu. Die Vision der digitalen Zwillinge ist noch Zukunftsmusik — aber sie rückt mit jedem Tag näher, an dem ein Imker seine Durchsicht per Sprachbefehl dokumentiert und ein Sensor Daten liefert.

Die Honigbienenhaltung braucht unsere Hilfe — nicht nur wegen der Varroa-Milbe, sondern wegen des Klimawandels, Pestiziden und dem Verlust von Lebensräumen. Wenn wir mit HIVESOUND einen kleinen Beitrag leisten können, Imkern ihre Arbeit zu erleichtern und gleichzeitig bessere Daten für Forschung und Biodiversität zu schaffen, dann war jeder steinige Moment dieser Gründerreise es wert.

Interessiert, wie HIVESOUND deine Imkerei unterstützen kann? Besuche uns auf hivesound.ai, folge uns auf Instagram oder schreib uns per Mail. Wir freuen uns auf den Austausch — ob als Imker, Hardware-Partner oder einfach als jemand, der an der Zukunft der Bienenhaltung interessiert ist.

Über die Autoren: Kevin ist Wirtschaftsinformatiker spezialisiert in KI-Systemen, Julian Senior-Softwareentwickler und IT-Spezialist. Gemeinsam haben sie die HIVESOUND GmbH gegründet — und nebenbei das Imkern erlernt.